Können Sie das Familienzentrum kurz vorstellen?
Simone Welzien (SW):
Ich leite das FamilienzentrumEin Familienzentrum ist eine Anlaufstelle für Familien, die einen Bildungs-, Erziehungs- und Betreuungsauftrag wahrnehmen kann (z. B. Krippe/Kita, häufig mit Early Excellence-Ansatz). Als Ort der Begegnung, Beratung und Unterstützung vernetzt es Angebote im Sozialraum und schafft niedrigschwellige Zugänge, die Familien dabei unterstützen, sich mit unterschiedlichen Themen rund um das Aufwachsen von Kindern auseinanderzusetzen. Im Kontext der Begabungs- und Begabtenförderung sind Familienzentren von besonderer Bedeutung, da ihre offene Struktur es Familien ermöglicht, niedrigschwellig Informations-, Beratungs-, Unterstützungs- und Vernetzungsangebote zu nutzen. Diese können die Eltern dabei unterstützen, Begabungen zu verstehen, Fachwissen zu erhalten und einzuordnen sowie passende Förderwege zu entwickeln. KESS. Die Buchstaben KESS stehen für Kinder, Eltern, Singles und Senioren. Für diese Zielgruppen arbeiten wir generationenübergreifend und nehmen die ganze Lebensspanne in den Fokus.
Wir haben drei große Bereiche, in denen wir Angebote anbieten. Das sind die Begegnung, Beratung und Bildung. Speziell für Familien gibt es im Bereich der Begegnungsangebote erste Kontakte für Schwangere bis hin zu Eltern-Kind-Gruppen. Im Bereich Beratung haben wir ein kompetentes Beratungsteam, das sich um Familien und ihre Fragen kümmert. Im Bildungsbereich haben wir neben vielen Kursen auch eine U3-Betreuung für Kinder und die sogenannte kleine Schule. Das ist ein Unterstützungsangebot für Schulkinder. Ansonsten gibt es immer wieder neue Ideen, die auftauchen und unsere Arbeit bereichern.
Welche Rolle spielt die Begabungsförderung in Ihrem Alltag und in Ihrem Selbstverständnis?
SW: Unser Haus arbeitet nach dem Early Excellence-AnsatzDer Early Excellence-Ansatz bezeichnet ein pädagogisches Konzept für Kitas, an dem sie sich konzeptionell ausrichten können. Kitas, die nach diesem Ansatz arbeiten, sind in der Regel zugleich als Familienzentrum organisiert, was die aktive Einbindung von Familien und des Sozialraums als zentrale Qualitätsmerkmale der pädagogischen Arbeit unterstützt. Im Kontext der Begabungs- und Begabtenförderung ist der Early Excellence-Ansatz von besonderer Bedeutung, da er sich als stärkenorientiertes Konzept versteht, das die individuellen Begabungen aller Kinder in den Blick nimmt. Durch die ganzheitliche Betrachtung von Bildungsprozessen bietet er eine tragfähige Grundlage für die Begabungs- und Begabtenförderung in Kitas. Eltern werden als Expert:innen ihrer Kinder einbezogen und die Zusammenarbeit mit Familien und dem Sozialraum systematisch gestärkt. Ziel ist es, die einzigartigen Begabungen jedes Kindes wertschätzend zu erkennen, zu begleiten und zu entfalten – ohne Etikettierung oder elitäre Zuschreibungen. und einer der Grundsätze dabei ist, dass jedes Kind exzellent und einzigartig ist und PotenzialeDer Begriff Potenzial beschreibt die Voraussetzungen und Möglichkeiten von Kindern bzw. Jugendlichen auf einem bestimmten Gebiet (Hoch-)Leistungen zu erbringen. hat. Insofern ist Potenzialentfaltung eher der Begriff, der unsere Haltung widerspiegelt. Wir vertreten ein sehr breites Begabungsverständnis, denn BegabungenBegabung bezeichnet intellektuelle Fähigkeits- bzw. Leistungspotenziale eines Menschen. Unter günstigen Bedingungen können sich Begabungen zu herausragenden Leistungen oder großem Kenntnis- und Wissensreichtum entwickeln.
Begabung bezeichnet damit die Möglichkeit – nicht das Vorliegen – hoher Leistung. „Hochbegabung“ stellt eine besonders hochgradige Ausprägung von „Begabung“ dar. Von „hoher Begabung“ spricht man bei Kindern im Kita-Alter, bei denen eine Hochbegabung vermutet, aber noch nicht zuverlässig festgestellt werden kann. werden gerade in einer sozialen Einrichtung wie unserer häufig auch als soziale Begabung sichtbar. Und das nicht nur bei Kindern, sondern auch bei den Eltern und Kolleg:innen. Wir haben engen Kontakt zu Schulen und Kitas, weil Kinder in regulären Institutionen häufig nicht die Begabungsförderung erhalten, die sie vielleicht bräuchten.
Imke Faßbender (IF):
Die Infrastruktur des Sozialraums spielt für die Potenzialentfaltung eine besondere Rolle. Denn ein Familienzentrum wie unseres bietet die Chance, dass sich junge Familien früh vernetzen und Unterstützungsangebote annehmen, die Bildungschancen fördern sowie Kontakt zu Beratungspersonen aufbauen. Das sind alles Faktoren, die später in der Potenzialentfaltung und in der Persönlichkeitsentwicklung kleine, aber wichtige Faktoren sind.
Auf welchem Grundverständnis baut die Zusammenarbeit mit Familien im KESS Familienzentrum auf?
SW: Wir versuchen, uns so niedrigschwellig wie möglich im SozialraumDas Fachkonzept der Sozialraumorientierung sieht vor, dass verschiedene Netzwerkpartner:innen (z. B. Kitas, Schulen, Beratungsstellen, ärztliche und therapeutische Praxen oder Bildungsstätten) die Lebenswelten von Menschen in einem Sozialraum (Dorf, Stadtteil oder -viertel) mit ihnen gemeinsam gestalten. Ziel ist es, Bedingungen zu schaffen, die es den Bewohner:innen ermöglichen, selbstbestimmt und aus eigener Kraft in schwierigen Lebenslagen zu agieren. Eine zentrale Rolle spielen dabei bedarfsorientierte Angebote und Unterstützungsarrangements, die durch gemeinsame Aktivitäten und Kooperationen von den Netzwerkpartner:innen erreicht werden können. Von diesen Angeboten und Unterstützungsarrangements können auch begabte bzw. hochbegabte Kinder und Jugendliche profitieren. Denn eine Vernetzung im Sozialraum kann dazu beitragen, dass ihre individuelle Förderung besser gelingt und Beratungsangebote niedrigschwellig erreicht werden können. Damit bieten sich den Kindern und Jugendlichen vielfältige Lern-, Unterstützungs- und Erfahrungsgelegenheiten, die ihre Ressourcen aktivieren. zu platzieren, um Kontakte auf- und Hemmschwellen abzubauen. Wir schauen: Wo können wir auf Menschen zugehen? Welche Kooperationen brauchen wir im Sozialraum, um unsere Niedrigschwelligkeit sichtbar werden zu lassen?
Wir möchten möglichst viele Vertrauensangebote machen und professionell arbeiten. Dazu brauchen wir bestimmte KompetenzenEine Kompetenz ist die Verbindung zwischen Wissen und Können und stellt somit eine beobachtbare bzw. messbare Fähigkeit dar. Eine Kompetenz ermöglicht dem Lernenden, auf (neue) Handlungsanforderungen zu reagieren. Der Erwerb neuer Kompetenzen basiert auf Erfahrungen sowie auf bereits Erlerntem und angeeigneten Fähigkeiten. Neben fachlichen Kompetenzen werden auch Methoden-, Sozial- und Selbstkompetenzen betrachtet. Kompetenzen zeigen sich in verschiedenen Bereichen (z. B. Schule, speziellen Fachgebieten wie Naturwissenschaften, sozialen Situationen) und sind wichtig für das Gelingen von (lebenslangem) Lernen und Bildung sowie für die Entfaltung von Begabungen. im Team, damit die Kolleg:innen interdisziplinär in Kontakt kommen können, um dann professionelle Sozialarbeit zu machen.
Dabei reflektieren wir, welche Kompetenzen in unserem Team fehlen. Welche Perspektive haben wir noch nicht in unserem Team? Wie können wir inklusiver werden? Wenn sich der Sozialraum und die Zielgruppen verändern, müssen auch wir uns immer wieder ändern. Wir sind nie fertig.
IF: Ein weiteres wichtiges Grundverständnis ist das Vertrauen. Die Mischung zwischen Begegnung, Beratung und Bildung bietet die Möglichkeit, langfristig und niedrigschwellig Vertrauen aufzubauen. In unseren Angeboten für Schwangere, in den offenen Familiengruppen oder in den Begegnungsangeboten lernen die Familien unsere Kolleginnen und Kollegen kennen. Nach und nach baut sich ein stabiles Vertrauensverhältnis auf, sodass sie wissen, dass sie sich in Krisensituationen an uns wenden können.
SW: Wir sagen immer, Vertrauen ist wie ein Vogel, der ganz schnell wegfliegen kann. Wir schauen immer, dass wir die Personen im Blick haben und sie wahrnehmen. Dabei ist Vertrauen nicht nur etwas, was zwischen uns – also dem Team und der Zielgruppe – ist, sondern auch in den Gruppensituationen unter den Familien entsteht. Dort braucht es Vertrauen, damit sie sich auch dort öffnen können.
Welche Angebote bietet das KESS für Familien?
IF: Wir haben sehr erfahrene Hebammen bei uns im Haus, die Geburtsvorbereitungs- und Rückbildungskurse anbieten. Dazu gibt es die offenen Familiengruppen zu verschiedenen Tageszeiten – vormittags und nachmittags. Die finden jeweils in Doppelbesetzung mit einer pädagogischen Fachkraft und einer zweiten Person statt, sodass man sich sowohl um Einzelpersonen in der Gruppe kümmern als auch die Gruppe und die Kinder im Blick behalten kann. Dann haben wir sehr viele verschiedene Nachmittagsangebote, wo auch Väter gerne mit hinzukommen können. Zum Beispiel haben wir eine Väter-Feierabendgruppe. Und dann können Mütter bei uns auch Fitnesskurse machen.
SW: Und dann gibt es noch unsere Beratungsangebote. Angefangen von der allgemeinen Beratung, bei denen es vielleicht um Themen der Rollenfindung geht. Zum Beispiel um die eigene Rolle als Mutter oder auch als berufstätige Mutter. Später können Eltern auch unsere U3-Betreuung in Anspruch nehmen. Zudem vermitteln wir auch Tagespflegepersonen und Haushaltshilfen oder helfen als Formularlotsen, zum Beispiel bei Elterngeldanträgen. Unser Beratungsangebot wird auch häufig in Anspruch genommen, wenn Eltern in Kitas, Krippen und später auch in der Schule auf Themen stoßen, bei denen sie nicht so richtig wissen, wie sie damit umgehen sollen. Dann können sie uns kontaktieren und wir schauen mit ihnen gemeinsam auf ihre Konflikte. Wir versuchen, sie so weit zu stärken, dass sie mit einer konstruktiven Haltung in ein Gespräch in ihrer Einrichtung gehen können oder Klarheit gewinnen. Wir sind Ansprechpartner:innen für Familien und wir haben kompetente, systemisch geschulte Beratungskräfte, die diese Fälle annehmen und intern weiterleiten, manchmal aber auch an andere Beratungsstellen verweisen. Man kann sich bei uns in alle Richtungen beraten lassen – zu allem, was das Leben so bietet.
Inwieweit fördern diese Angebote eine tragfähige Zusammenarbeit zwischen Ihnen und den Familien?
SW: Es ist eine Kontinuität da. Wenn ich zum Beispiel einen Kurs buche, der jede Woche stattfindet, entsteht Verbindlichkeit auf beiden Seiten. Diese Regelmäßigkeit und Tagesstruktur, die unsere Angebote bieten, sind ganz wichtige Faktoren. Wir sind ein verlässlicher Partner und unser Haus ist jeden Tag geöffnet. Auch in unserem Team haben wir eine einheitliche Haltung, sodass es nicht darauf ankommt, zu wem eine Familie in die Beratung geht. Es ist wichtig, dass wir als Team im Austausch stehen und eine ähnliche Beratungshaltung sowie gemeinsame Supervisionen und Fortbildungen haben. Ich glaube, das merkt man auf der anderen Seite.
IF: Manchmal sind wir auch eine ganz praktische Hilfe, wenn Familien irgendwas suchen. Zum Beispiel einen Musikkurs für ihr Kind. Dann kann man hier anrufen und wir fragen in unseren ganzen Netzwerken rum. Im besten Fall finden wir tatsächlich irgendwo einen Trompetenkurs im Nachbardorf oder irgendwas ganz Ungewöhnliches.
SW: Wir sind nicht nur eine Erziehungsberatungsstelle, sondern sind auch für die ganz einfachen Angelegenheiten des Alltags mit Kindern da. Und diese Möglichkeit, diese Option als Familie zu kennen, glaube ich, ist wichtig. Natürlich wollen wir durch eine gute Öffentlichkeitsarbeit den Familien auch die Chance bieten, auf uns aufmerksam zu werden. Diese Präsenz soll Vertrauen in unser Familienzentrum schaffen. Mehrmals haben wir schon erlebt, dass wir ein Anker für Familien sein können, indem sie wissen, dass wir ihnen immer helfen und uns eine professionelle Haltung wichtig ist.
IF: Mit Blick auf die BegabungsentfaltungBegabungsentfaltung bezeichnet den Prozess, in dem sich die individuellen Begabungen, Fähigkeiten und Potenziale eines Kindes entwickeln und sichtbar werden. Sie wird durch anregende Lernumgebungen, wertschätzende Beziehungen und passgenaue Bildungsangebote unterstützt. Ziel begabungsentfaltender Maßnahmen ist es, Kindern zu ermöglichen, ihre Stärken entsprechend ihren Interessen und Voraussetzungen weiterzuentwickeln. Für hochbegabte Kinder und Jugendliche ist individuelle Begabungsentfaltung besonders bedeutsam, da standardisierte Bildungsangebote ihre kognitiven, kreativen oder motivationalen Bedürfnisse häufig nicht ausreichend ansprechen. Folgen können Unterforderung, Rückzug, Underachievement oder unentdeckte Potenziale sein. Deshalb können passgenaue Angebote die Begabungen der Kinder und Jugendlichen nachhaltig entfalten und sie in ihrer Persönlichkeitsentwicklung stärken. von Kindern spielt die Zuversicht eine bedeutende Rolle. Zuversicht darin, dass das eigene Kind Chancen erhält, seine Potenziale zu entfalten. Gerade Familien mit Migrationshintergrund können sehr verunsichert sein, wenn sie das System nicht kennen und gar nicht wissen, wie ihr Kind sich entfalten kann. Gerade, wenn ihnen Vorurteile oder Barrieren begegnen oder sie das Gefühl haben, ihr Kind wird nicht in seinen Kompetenzen gesehen. Aber auch unabhängig vom Migrations- oder Familienhintergrund haben wir Familien, die sich an uns wenden, weil ihr Kind zum Beispiel in der Kita als Störfaktor wahrgenommen wird. Dann haben wir ein offenes Ohr für die Familien und reflektieren gemeinsam die Situation oder entwickeln Ideen für weitere Handlungsschritte. Wenn man das Gefühl hat, klarer zu sehen und handeln zu können, dann steigt auch die Zuversicht, dass sich die Situation wieder verbessern wird. Ich glaube, diese Zuversicht ist eine ganz wichtige Kraft, die Eltern brauchen, um Kindern zu ermöglichen, dass sie ihr Potenzial entfalten können.
Welche Impulse aus Ihrer Arbeit könnten für andere pädagogische Fachkräfte besonders wertvoll sein, um Begabungen von Kindern früh zu erkennen und ressourcenorientiert zu entfalten?
SW: Ich denke, ganz allgemein ist das Thema BeobachtungIn der Begabungs- und Begabtenförderung werden Beobachtungen und deren Dokumentation als ein Teil der pädagogischen Diagnostik eingesetzt, um besondere Begabungen bei Kindern und Jugendlichen erkennen zu können. Ziel ist es, Erkenntnisse z. B. über das Spiel-, Sozial- oder Lernverhalten von Kindern und Jugendlichen in der Kita oder Schule zu erhalten und auf dieser Grundlage pädagogische Entscheidungen zu treffen. Beobachtungen können dabei mithilfe von Checklisten oder Beobachtungsbögen, Portfolio, Bildungs- und Lerngeschichten durchgeführt werden. ein wichtiges Handwerkszeug. Uns fallen in den offenen Familiengruppen und Kursen bereits früh Entwicklungsvorsprünge von Kindern auf. Aus diesen Beobachtungen wollen wir Angebote ableiten, die den Kindern die Möglichkeit bieten, ihre Neugierde zu entfalten und entsprechende Lernanregungen zu erhalten.
Unsere Ergotherapeutin Imke baut beispielsweise die spannendsten sensorischen Landschaften auf, bei denen Babys und auch ältere Kinder ihre Sinne erfahren und wir den Eltern dabei erklären können, was eigentlich passiert. Das ist ein ganz wichtiger Punkt: die pädagogische Fachkraft, die etwas beobachtet und dann aber wiederum auch mit ihrem Fachwissen den Eltern vermittelt, was das Kind da gerade macht. Dass es zum Beispiel keine böse Absicht ist, irgendwas immer umzukippen, sondern dass es vielleicht um Mengen- oder Volumenerfahrung geht.
Gerade wenn in den Gruppen Kinder weiter entwickelt sind als andere, vergleichen einige Eltern ihr Kind mit denjenigen, die schon etwas voraus sind, und es entstehen manchmal Konkurrenzgedanken. Diese versuchen wir dann wahrzunehmen, aufzugreifen und zu minimieren. Wir schauen: Was für ein Bedürfnis haben die Eltern, die konkurrenzorientiert sind und ihr Kind immer wieder mit anderen vergleichen?
IW: Gerade gestern hatten wir eine Beratung zu einem dreijährigen Jungen, der gerade aus unserer U3-Betreuung in die Kita gewechselt ist und jetzt anfängt zu lesen. In der Kita gab es große Panik und die Eltern haben uns nach Unterstützung gefragt. In diesem Fall haben wir auch das Angebot gemacht, die Kollegen und Kolleginnen in der Kita durch eine Beratung zu unterstützen. Es ist schade, dass Begabung manchmal problematisiert wird. Es gibt viele Aspekte, warum Menschen gestresst reagieren, wenn ein Kind entwicklungsschnell ist. Gegebenenfalls besteht die Sorge aufseiten der Eltern oder auch der Fachkräfte, dass sie das Kind nicht ausreichend unterstützen können. Eigentlich ist eine Begabung doch etwas Schönes und sollte kein Stressor sein. Andersrum, bei einer Entwicklungsverzögerung, besteht ja eher Handlungsbedarf.
SW: Um dieser problemorientierten Sicht auf Entwicklungsverläufe entgegenzuwirken, haben wir verschiedene Methoden entwickelt, unter anderem eine selbst entwickelte Beobachtungsmethode.
Wie funktioniert die Methode und worum geht es dabei?
IW: In den Eltern-Kind-Kursen, in denen sich eine feste Gruppe zu einem Kurs angemeldet hat, erhält jedes Kind sein eigenes Beobachtungsheftchen. Dieses Heftchen ist leer. Es sind einfach zusammengeheftete Seiten mit einem Deckblatt. Dieses Heft wird die Eltern und das Kind über den gesamten Kurs begleiten. In der ersten Stunde schreibt die Kursleiterin die allererste Nachricht an das Kind. Zum Beispiel: „Schön, dass du hier in dem Baby-Erlebniskurs dabei bist.“ Dann schreibt die Mutter zum Beispiel in der ersten Kursstunde: „Heute ist die erste Kursstunde und du hast mit den spannenden Folien ordentlich geknistert. Dabei hast du beide Hände eingesetzt – während du auf dem Bauch gelegen hast. Das hast du super mitgemacht, deine Mama.“
Anschließend werden die Eltern darauf vorbereitet, dass sie ab der darauffolgenden Stunde nicht mehr ihr eigenes Kind beobachten, sondern ein anderes. Die Hefte verbleiben bei der Kursleiterin, sodass kein Heft vergessen wird. Zu Beginn jeder Stunde werden die Hefte verteilt, damit alle wissen, wer welches Kind im Laufe der Kursstunde im Blick behalten soll. Und wenn eine schöne Situation da ist oder die Eltern etwas Interessantes beobachten, schreiben sie das mit einem Satz in das Heft des Kindes. Ein Beispiel ist: „Heute ist die zweite Kursstunde und du hast richtig lange in der Bauchlage mit den bunten gefüllten Tüten gespielt und dich im Spiegel betrachtet. Wir wünschen dir alles Gute der Welt.“ Hier ist es schon sehr gut gelungen, dass wir die Eltern immer dazu anregen, Beobachtungen aufzuschreiben, ohne zu bewerten.
Wir sind in den Kursstunden immer für die Eltern ansprechbar, denn uns ist bewusst, dass nicht jede oder jeder sofort in der Lage ist, das umzusetzen. Nächstes Mal schreibt beispielsweise eine andere Mutter: „Heute wird mit Wasser geplanscht und du hast sichtlich Spaß. Das ist schön zu sehen. Bei den heißen Temperaturen ist es aber auch die beste Kühlung. Bleib weiterhin so abenteuerlustig und entdeckungsfreudig.“ Und so geht es immer weiter, bis das ganze Heft gefüllt ist. Die Inhalte werden nicht laut vorgelesen, sondern die Eltern lesen sich das meistens nach jeder Stunde kurz durch, bevor sie das Buch der Kursleiterin zurückgeben. Wir erzählen immer wieder, dass es ganz normal ist, wenn sich mal kleine Rechtschreibfehler einschleichen. Darauf kommt es schließlich nicht an, sondern eher auf das genaue Hinschauen und die Zuversicht, die wir uns im Kurs gegenseitig schenken, dass jedes Kind sich in seinem eigenen Tempo entwickeln kann.
SW: Was dadurch entsteht, ist einmal die Kompetenz, dass ich wertfrei beobachte und beschreibe, ohne gleich einordnen zu müssen. Zum anderen wird die Teamfähigkeit innerhalb der Gruppe gestärkt, weil alle etwas Positives über die Kinder schreiben. Mithilfe des Beobachtungshefts soll deutlich werden, Kinder beim Lernen wirklich zu beobachten. Zu erkennen, wie Kinder eigenständig Aufgaben lösen und mit hohem intrinsischem Interesse dabei sind, etwas zu untersuchen und zu erforschen.
Wie unterstützt das die begabungsorientierte Sicht auf Kinder?
SW: Indem Eltern befähigt werden, in Spielsituationen das Lernen von Kindern zu erkennen. Zu sehen: Wenn ich das wenig störe, fördere ich am besten. Wenn Eltern verstehen, dass in diesen Situationen ganz viel im Gehirn der Kinder passiert, ist auch für die spätere Potenzialentfaltung ganz viel Verständnis vorhanden. Natürlich gibt es auch Gesprächsrunden innerhalb der Gruppe und es wird über persönliche Lernerfahrungen gesprochen: Wann lernt ihr eigentlich am besten oder könnt ihr euch erinnern, was euch am meisten Spaß gemacht hat? Habt ihr einen Beruf ergriffen, der damit zusammenhängt, oder habt ihr irgendwas ganz anderes gemacht? Das heißt, auch die eigene Persönlichkeitsentwicklung wird angestoßen, wenn man sich mit dem eigenen Kind auseinandersetzt.
Welche Kompetenzen benötigen Kursleiter:innen, um die wertschätzende Beobachtungsmethode professionell anwenden zu können?
IF: Unsere Gruppen leiten in der Regel Erzieherinnen, Sozialpädagoginnen oder Ergotherapeutinnen. Aber wir haben auch Mütter weitergebildet, die zum Beispiel Kinderkrankenschwestern sind und jetzt unsere Kurse leiten. Vielleicht haben sie selbst als Mutter auch einen Kurs miterlebt und erfahren, wie positiv dieses Heft wirkt. Wichtig ist, die Methode des Beobachtens gut einzuführen. Denn wir haben die Erfahrung gemacht, dass sich einige Menschen beim Schreiben schwertun. Als Kursleiterin ist es dann besonders wichtig, zu unterstützen und immer wieder zu betonen, dass es nicht auf die Rechtschreibung ankommt. Selbst wenn Eltern Rechtschreibfehler im Heft ihres Kindes finden, werden sie nicht verbessert. Es ist ganz wichtig, einen klaren Rahmen zu geben, sodass jede und jeder auch den Mut hat, daran mitzuwirken.
Eltern, die noch kein oder nur wenig Deutsch sprechen, können auch in ihrer Muttersprache etwas für ein Kind in das Heft reinschreiben. Daraufhin entsteht häufig ein schöner Austausch: „Kannst du mir ungefähr auf Deutsch sagen, was du geschrieben hast?“ Und dann schreibt die Mutter, wenn sie möchte, auf Deutsch nochmal ein Stichwort dazu. Unsere Kursleiterinnen müssen diese Situationen so gestalten, dass sich alle dabei wohlfühlen. Durch Supervision haben wir auch immer die Möglichkeit, uns untereinander auszutauschen, wenn Unsicherheiten im Umgang mit Eltern in den Kursen aufkommen. Wenn Mütter in den Kursen nicht mitmachen wollen oder sich zum Beispiel immer krankmelden, sind das Signale, dass sich eventuell jemand nicht wohlfühlt mit dieser Methode. Ganz wichtig ist: Niemand soll sich für seine – möglicherweise mangelnde – Schreibkompetenz schämen müssen.
SW: Das ist jetzt nicht die Methode für alle und alles, das ist auch noch mal ganz wichtig. Es gibt viele Möglichkeiten.
Haben Sie ein Beispiel dafür, wie Eltern durch Ihre Kurse einen neuen Blick auf die Kompetenzen ihres Kindes entwickelt haben?
IF: Grundsätzlich kann man sagen, dass die Eltern die schärfsten Kritiker für das eigene Kind sind. Am Ende der Kurse merkt man, dass der Blick der Eltern auf das eigene Kind positiver ist – und nicht mehr so kritisch geschaut wird. Die Eltern stärken sich gegenseitig. Denn bei den anderen Kindern sehen sie oft mehr die Fähigkeiten und Potenziale als beim eigenen Kind. Das eigene Kind wird häufig mit den anderen verglichen: die anderen krabbeln – meins noch nicht, die anderen laufen – meins noch nicht. Es ist allerdings hinderlich, wenn den Kindern gegenüber Sätze fallen wie: Jetzt guck dir das mal bei dem und dem Kind an. Hier versuchen wir, von Kursbeginn an entgegenzuwirken, indem wir darüber sprechen, dass jedes Kind sein eigenes Entwicklungstempo hat und sich bei dem einen gerade motorische Entwicklungsschritte zeigen und bei dem anderen vielleicht sprachliche. Nach außen sind motorische Entwicklungsschritte deutlich sichtbarer als beispielsweise kognitive.
SW: Das ist etwas ganz Wichtiges, auf was Imke hier hinweist. Denn es besteht die Gefahr, dass sich hier schon früh Glaubenssätze prägen. Wenn meine Mutter ständig sagt, „du bist immer ein bisschen langsamer als die anderen“ oder Ähnliches, dann bedeutet das „du bist nicht genug“ oder „du bist blöder als die anderen“. Solche negativen Glaubenssätze begleiten Menschen dann ein Leben lang. Deshalb versuchen wir mit den positiven Beobachtungen, den Kindern positive Glaubenssätze mitzugeben: Ich bekomme das schon hin. Ich bin richtig so, wie ich bin. Ich habe mein eigenes Tempo. Wenn das Glaubenssätze werden, die bei den Kindern ankommen, unterstützt das hoffentlich ihre Begabungsentfaltung. Das ist seit 20 Jahren Grundlage unserer Arbeit. Es wäre spannend zu erforschen, ob und wie sich das auf die Kinder ausgewirkt oder ob das verpufft.
Wenn Sie Fachkräften einen Rat geben könnten, wie eine vertrauensvolle und begabungsorientierte Zusammenarbeit mit Familien aus Ihrer Erfahrung gelingen kann – welcher wäre es?
SW: Entscheidend ist die Haltung, die Situationen unterschiedlichster Familien wahrzunehmen und sich in sie hineinzuversetzen. Erst mal ein Gefühl dafür zu bekommen, was ihre Themen sind. Es ist entscheidend, die Zusammenarbeit mit Eltern so zu gestalten, dass sie sich wohlfühlen und öffnen.
IF: Wenn wir es schaffen, Entwicklungsprozesse von Kindern – gerade die von entwicklungsschnellen Kindern – positiv zu begleiten, dann können sich daraus selbstkompetenteSelbstkompetenzen umfassen verschiedene Fähigkeiten, die zur Handlungsfähigkeit beitragen: etwa die eigenen Emotionen zu regulieren, sich in andere hineinzuversetzen, sich selbst zu organisieren oder zu motivieren oder auch Frustrationstoleranz. Selbstkompetenzen tragen entscheidend zur Begabungsentwicklung bei, da sie es Kindern und Jugendlichen ermöglichen, ihre Potenziale auch in schwierigen Situationen oder unter Ablenkung zu nutzen. Kinder entwickeln. Wenn sie ihre eigenen Bedürfnisse kennen, können sie selbstbewusst handeln und ihre soziale Kompetenz im Miteinander entfalten.
SW: Wenn es uns gelingt, dass Familien von Anfang an, wenn sie zu uns ins Familienzentrum kommen, das Gefühl bekommen, dass man sie annimmt und dass sie sich dort wohlfühlen können, dann glaube ich, besteht die Möglichkeit, dass jeder Transitionsprozess innerhalb der Bildungskette eines Kindes positiv verläuft. Wenn Eltern dann die Zuversicht haben, „Das haben wir doch bislang ganz gut hingekriegt“, werden sie aktiv und gestalten mit.
Und zuletzt ganz wichtig: Begabung ist immer eine positive Ressource.
Unsere Interviewpartnerinnen

Simone Welzien
ist Dipl.-Oecotrophologin, systemische Beraterin und EEC-Multiplikatorin. Sie leitet das KESS Familienzentrum (inkl. kommunaler Familien-, Senioren-, Bildungs- und Integrationsbüros) und ist Autorin von Fachpublikationen (u. a. Autorinnenteam des BEB-E-Learning-Programms). Sie berät große Jugendhilfeträger bei Planungsprozessen und ist seit 30 Jahren Kommunalpolitikerin.
Foto: privat

Imke Faßbender
ist Ergotherapeutin und im KESS Familienzentrum als Leitung im Bereich Familienbildung für offene Begegnungsrunden, Kurse und Akademieangebote für junge Familien zuständig.
Foto: privat
Das Gespräch führte

Lisa Mol
ist Kindheitspädagogin und leitete mehrere Jahre eine inklusive Kita in Hamburg. Seit 2020 ist sie als Projektleitung Frühe Bildung bei der Karg-Stiftung tätig. Dort gestaltet sie die Weiterentwicklung zentraler Themen der Frühen Bildung mit einem besonderen Fokus auf inklusive Begabungsförderung in Kitas.
Foto: Karg-Stiftung


