
»Wenn Kita-Teams Erwartungen klären und Eltern als Expert:innen ihres Kindes ernst nehmen, entsteht eine Zusammenarbeit, die sowohl das Kind als auch die Familie stärkt.«
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Kinder mit besonderen BegabungenBegabung bezeichnet intellektuelle Fähigkeits- bzw. Leistungspotenziale eines Menschen. Unter günstigen Bedingungen können sich Begabungen zu herausragenden Leistungen oder großem Kenntnis- und Wissensreichtum entwickeln.
Begabung bezeichnet damit die Möglichkeit – nicht das Vorliegen – hoher Leistung. „Hochbegabung“ stellt eine besonders hochgradige Ausprägung von „Begabung“ dar. Von „hoher Begabung“ spricht man bei Kindern im Kita-Alter, bei denen eine Hochbegabung vermutet, aber noch nicht zuverlässig festgestellt werden kann. begegnen Fachkräften in Kitas immer wieder. Hierbei ist es – je nachdem wie gut sich die Beteiligten mit diesem Thema auskennen – bereits schwierig, sich auf eine gemeinsame Definition des Begriffs zu einigen. Redet man von hohen Begabungen, von besonderen Begabungen oder von HochbegabungHochbegabung bezeichnet das überdurchschnittliche geistige Potenzial eines Menschen, welches sich unter günstigen Umweltbedingungen und gezielter Anregung zu herausragenden Leistungen oder großem Kenntnis- und Wissensreichtum entwickeln kann. Hochbegabung bezeichnet damit die Möglichkeit – nicht das Vorliegen – zu außergewöhnlicher Leistung. Sie stellt eine besonders hochgradige Ausprägung von „Begabung“ dar. Im Kita-Alter spricht man von „hoher Begabung“, da in diesem Alter eine Hochbegabung noch nicht zuverlässig festgestellt bzw. diagnostiziert werden kann.?1 Hinzu kommen unterschiedliche Gesichtspunkte wie beispielsweise der Umgang mit diagnostischen Unsicherheiten oder Sorgen um die Zukunftsgestaltung, die für Kinder und Eltern relevant sind. Hierbei kann sich die Gewichtung der einzelnen Herausforderungen je Familie unterschiedlich darstellen. Das stellt sowohl die jeweiligen Familien als auch pädagogische Teams vor besondere Anforderungen im Rahmen der Bildungs- und ErziehungspartnerschaftBildungs- und Erziehungspartnerschaften bezeichnen die enge, vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen pädagogischen Fachkräften in der Kita und den Erziehungsberechtigten. Beide Seiten bringen ihr Wissen, ihre Erfahrungen und Perspektiven ein, um ein Kind gemeinsam bestmöglich in seinen Bildungs- und Lernprozessen zu begleiten. Solche Partnerschaften können dabei unterstützen, die häufig komplexen Lerninteressen und Entwicklungsverläufe von Kindern mit hohen Begabungen systematisch aus der Perspektive der Kita wie auch der Erziehungsberechtigten zusammenzuführen, um daraus eine abgestimmte Förderplanung zu entwickeln..
Eine Möglichkeit für eine hochwertige Zusammenarbeit zwischen Familien und Einrichtungen ist der Early Excellence-AnsatzDer Early Excellence-Ansatz bezeichnet ein pädagogisches Konzept für Kitas, an dem sie sich konzeptionell ausrichten können. Kitas, die nach diesem Ansatz arbeiten, sind in der Regel zugleich als Familienzentrum organisiert, was die aktive Einbindung von Familien und des Sozialraums als zentrale Qualitätsmerkmale der pädagogischen Arbeit unterstützt. Im Kontext der Begabungs- und Begabtenförderung ist der Early Excellence-Ansatz von besonderer Bedeutung, da er sich als stärkenorientiertes Konzept versteht, das die individuellen Begabungen aller Kinder in den Blick nimmt. Durch die ganzheitliche Betrachtung von Bildungsprozessen bietet er eine tragfähige Grundlage für die Begabungs- und Begabtenförderung in Kitas. Eltern werden als Expert:innen ihrer Kinder einbezogen und die Zusammenarbeit mit Familien und dem Sozialraum systematisch gestärkt. Ziel ist es, die einzigartigen Begabungen jedes Kindes wertschätzend zu erkennen, zu begleiten und zu entfalten – ohne Etikettierung oder elitäre Zuschreibungen., der Machtungleichheitsverhältnisse minimiert und Expert:innenrollen hervorhebt (vgl. u. a. 1; 2, S. 84ff.). Im Zentrum dieses Artikels steht die Frage, wie die beiden Aspekte – besondere Begabungen und der Early Excellence-Ansatz – zusammengebracht werden können und ergänzend, welche Unterschiede zur üblichen Zusammenarbeit zwischen Kitas und Familien festzuhalten sind. Ziel einer hochwertigen Zusammenarbeit mit Familien mit Kindern mit besonderen Begabungen ist hierbei grundsätzlich ein balanciertes Vorgehen zwischen der individuellen FörderungIndividuelle Förderung berücksichtigt in der Gestaltung des Lernumfeldes die individuellen Neigungen, Lernvoraussetzungen und Lernbedürfnisse eines Kindes hinsichtlich Lerninhalten, dem Lerntempo und methodisch didaktischer Aufbereitung. Davon profitieren auch Kinder und Jugendliche mit einer hohen kognitiven Begabung. des Kindes auf der einen Seite und der selbstverständlichen Teilhabe und Gleichwertigkeit in der Kindergruppe, ohne dass das Kind einen Sonderstatus einnimmt, auf der anderen Seite. Zudem müssen ergänzend die Bedarfe der Eltern ernst genommen, Verunsicherungen minimiert und ein vorschnelles Labeln vermieden werden.
Theoretische Grundlegung: Vermutung statt Etikett
Kinder, die eine sehr schnelle Aneignung von Wissen, ungewöhnlich hohe Problemlösefähigkeiten oder tiefgehende Interessen zeigen, fallen auf – sowohl im Elternhaus als auch in einer Kita. Wenn anhand dieser BeobachtungIn der Begabungs- und Begabtenförderung werden Beobachtungen und deren Dokumentation als ein Teil der pädagogischen Diagnostik eingesetzt, um besondere Begabungen bei Kindern und Jugendlichen erkennen zu können. Ziel ist es, Erkenntnisse z. B. über das Spiel-, Sozial- oder Lernverhalten von Kindern und Jugendlichen in der Kita oder Schule zu erhalten und auf dieser Grundlage pädagogische Entscheidungen zu treffen. Beobachtungen können dabei mithilfe von Checklisten oder Beobachtungsbögen, Portfolio, Bildungs- und Lerngeschichten durchgeführt werden. eine besondere Begabung vermutet wird, können in der Zusammenarbeit mit Familien Unsicherheiten entstehen. Denn im Vorschulalter ist die Entwicklung sehr dynamisch, sodass häufig noch nicht sicher ist, ob das Kind einfach relativ weit entwickelt in diesem Bildungsbereich ist oder vielleicht eine Hochbegabung vermutet werden sollte. Eine seriöse Einschätzung zu Hochbegabung ist im Kita-Alter aufgrund unterschiedlicher Aspekte nur schwer möglich. Statistisch stabiler werden Ergebnisse erst in der Nähe des Schuleintritts, sie bleiben aber auch dann noch im Hypothesenbereich (vgl. 3, S. 21ff.; 4, S. 8ff. sowie S. 32ff.). So arbeiten sowohl die Einrichtung als auch die Familien mit einer diagnostischen Unsicherheit. Hinzu kommen die dadurch verstärkten besonderen Herausforderungen für Familien, die sich in Bezug auf die Förderung des jeweiligen Kindes und den Umgang mit der (möglichen) besonderen Begabung ergeben können.2
Besondere Herausforderungen der Familien
Eltern (hoch-)begabter Kinder erleben mitunter:
(diagnostische) Unsicherheit, Angst vor Stigmatisierung sowie emotionaler Belastung
- Ist mein Kind tatsächlich besonders begabt oder nur wissbegierig?
- Wie gelingt es, dass mein Kind nicht überfordert, Perfektionismus-Ansprüchen ausgesetzt wird oder sich solchen selbst aussetzt?
- Aber auch: Unterstütze ich genug oder zu viel?
ambivalente Reaktionen des Umfelds (Bagatellisierung, Neid)
- Halten andere Eltern mich für ein „pushing parent“ oder mein Kind möglicherweise für eine Streberin/einen Streber?
besondere Bedarfe in der Kommunikation mit Fachkräften
- Werde ich ernst genommen?
- Erhalte ich die für mich und mein Kind notwendigen Informationen?
Passungsprobleme im Alltag (Unterforderung, Langeweile, asynchrone EntwicklungMan spricht von asynchroner Entwicklung, wenn sich ein Kind in verschiedenen Entwicklungsbereichen unterschiedlich schnell entwickelt. Mitunter schreiten Hochbegabte in ihrer kognitiven Entwicklung schneller voran als in ihrer emotionalen, biologischen oder psychomotorischen Entwicklung.)
- Ist mein Kind normal?
- Wie gelingt es, dass mein Kind keine Außenseiterin/kein Außenseiter in der Gesellschaft wird?
die Sorge, eine Balance zwischen individueller Begabungsförderung und dem Selbstverständlichkeitserleben in der Kita-Gruppe für ihr Kind zu finden
- Bekommt mein Kind die gezielte Förderung, die es braucht?
- Was kann ich als Elternteil ohne Fachwissen tun?
- Wie kann mein Kind in der Kita trotzdem normale Sozialisationserfahrungen machen?
- Wie gelingt es, dass mein Kind von den anderen Kindern nicht ausgeschlossen wird, beziehungsweise muss ich mir darüber Gedanken machen?
unübersichtliche Informationslagen und Zugangshürden zu ExpertiseExpertise bezeichnet ein besonders umfangreiches Wissen und eine besondere Problemlösekompetenz in einem bestimmten Bereich, die auf intensives, systematisches und langjähriges Üben zurückgeht. Die Expertise befähigt Kinder und Jugendliche, in diesem Bereich überdurchschnittliche Leistungen zu erbringen und ihre Begabungen weiterzuentwickeln. Expertise kann auch in einem besonderen Begabungsbereich bestehen. außerhalb der Kita
- Welche Anlaufstellen haben Priorität und eine hohe Fachlichkeit?
- Wo bekomme ich die für mich wichtigen Informationen zu unterschiedlichen Aspekten wie beispielsweise Schulen oder durch die Begabung aufkommenden Geschwisterthematiken?
- Wo sollte ich mich wie vernetzen?
Ergänzend zu den aufgezeigten Herausforderungen, denen Eltern gegenüberstehen können, müssen sich die Fachkräfte gegebenenfalls in das Thema hohe Begabungen einarbeiten und dieses Wissen in den Kontext von diversen Lebenssituationen und -lagen einbetten. So stellt sich für Fachkräfte die Frage: Wie gelingt es, unterschiedliche Bildungsmilieus, Kulturen und familiäre Werte zu reflektieren und für das jeweilige Kind und die Familie ein passendes Förderangebot zu kreieren?
Alle vorgestellten Aspekte können sich auf die Dynamik innerhalb von Familien auswirken: etwa auf die Vorstellungen von Elternschaft oder auch die Zukunftsvisionen der Familie. Unter Umständen verändern sich auch die Bedürfnisse von Geschwisterkindern, Rollenverschiebungen sind möglich und der Koordinationsaufwand im Familienalltag kann durch die Suche nach unterstützenden Angeboten steigen. Das verändert in der Folge einige der Basisbausteine für die Zusammenarbeit mit den Familien. So ist etwa eine stärkere Passung notwendig, um beispielsweise Unter- beziehungsweise Überforderung auszubalancieren.
Hilfreich können dabei fein graduierte, hypothesengeleitete Beobachtungen sein, welche die jeweilige Interessentiefe, Frustrationsmomente und gelingende SelbstregulationsfaktorenSelbstregulation ist ein Sammelbegriff für verschiedene Fähigkeiten, die es Menschen ermöglichen, ihre Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen zu steuern. Sie sind wichtig, um eigene Ziele verfolgen und sich situationsangemessen verhalten zu können. Prozesse der Selbstregulation laufen dabei bewusst (z. B. willentliche Unterdrückung eines Impulses) und unbewusst (z. B. Regulation der Körpertemperatur) ab. Die Fähigkeit zur Selbstregulation ist für den Lernerfolg und damit auch für die Begabungsentfaltung von großer Bedeutung. Sie ermöglicht die selbstständige Aneignung von Lernstoff („selbstreguliertes Lernen“). Dabei bedarf es unterschiedlicher Fähigkeiten, u. a. Zielbestimmung, Überwachung und ggf. Anpassung des eigenen Lernprozesses sowie Regulation der Motivation. des Kindes erfassen und reflektieren – sowohl im Elternhaus als auch in der Kita. Damit passgenaue Angebote für die jeweiligen Kinder angeboten werden können, sind häufige Feedbackschleifen sinnvoll und notwendig. All diese Aspekte machen deutlich, dass seitens der pädagogischen Fachkräfte eine hohe professionelle Sensibilität (insbesondere unter den Herausforderungen des möglichen Personalmangels im Kita-Bereich) notwendig ist (vgl. u. a. 5). Eine konzeptionelle Möglichkeit, diesen Rahmen gelingend zu gestalten, ist der Early Excellence-Ansatz. Er versteht professionelle Sensibilität als zentrales Leitprinzip, das eine hochwertige Begleitung von Kindern – auch bei vermuteten besonderen Begabungen – sowie ihrer Familien ermöglicht.
Early Excellence-Ansatz: Professionelle Sensibilität als Leitprinzip bei vermuteter Hochbegabung
Professionelle Sensibilität umfasst drei Ebenen:
| Haltung | Methodik | Ethik |
|---|---|---|
| wertschätzend | strukturierte Beobachtung | Sorgfalt im Umgang mit Vermutungen |
| ressourcenorientiertRessourcenorientierung umschreibt eine pädagogische und beraterische Haltung, die die persönlichen Stärken, Potenziale und Fähigkeiten einer Person und ihrer Umwelt in den Mittelpunkt stellt. Die vorhandenen Ressourcen, deren Bewusstmachung und Stärkung werden als wesentliche Quelle für die lernbezogene und persönliche Entwicklung angesehen. In einem ressourcenorientierten Sinne wird eine Hochbegabung nicht als möglicher Auslöser von Problemen im Unterricht oder im Leben betrachtet, sondern in erster Linie als Potenzial. Die Würdigung und Aktivierung dieses Potenzials unterstützt die erfolgreiche Entfaltung der Begabung und die Bewältigung von spezifischen Herausforderungen auf eine Art, die eine gelingende Integration der Hochbegabung in das Selbstkonzept fördert. | transparente DokumentationDie Dokumentation von Bildungsprozessen dient als Grundlage für die pädagogische Arbeit und pädagogische Entscheidungen in Kita und Schule und ist fester Bestandteil der Pädagogischen Diagnostik. Ziel (früh-)pädagogischer Beobachtung und Dokumentation ist die Klärung, ob das pädagogische Angebot zu den Bedürfnissen des sich entwickelnden und lernenden Kindes passt und wie diese Angebote optimiert werden können. Mithilfe guter Dokumentation kann somit auch die Passung von Förderangeboten zu den Bedürfnissen hochbegabter Kinder überprüft und verbessert werden. Zu den (früh-)pädagogischen Beobachtungs- und Dokumentationsverfahren zählen beispielsweise das Portfolio, Bildungs- und Lerngeschichten, Projektdokumentationen oder Produktpräsentationen sowie Checklisten oder Beobachtungsbögen. | Absprachen |
| empowernd | Feedbackschleifen | Verzicht auf EtikettierungEtikettierung im sozialen oder pädagogischen Kontext bezeichnet den Prozess, bei dem Menschen aufgrund einzelner Merkmale, Verhaltensweisen oder Zuschreibungen häufig unreflektiert in Kategorien eingeordnet werden. Solche Zuschreibungen können Wahrnehmungen und Erwartungen beeinflussen und dazu führen, dass individuelle Entwicklungen undifferenziert betrachtet werden. In der Begabungs- und Begabtenförderung besteht die besondere Gefahr von Etikettierungen darin, dass sie den pädagogischen Blick verengen. Kinder können sich unter dem Druck entsprechender Erwartungen entweder überanpassen oder sich von Lernangeboten zurückziehen, während andere Entwicklungsbedarfe in den Hintergrund treten. Deshalb ist eine professionelle Haltung erforderlich, die Beobachtungen fortlaufend reflektiert und Kinder nicht auf eine zugeschriebene Begabung reduziert. |
| Datenschutz |
Diese drei Ebenen sind die Grundlage für ein Arbeitsbündnis, das Eltern ernst nimmt und gleichzeitig eine pädagogische Verantwortung für Fachkräfte definiert. Ebenso wichtig sind die drei Säulen des Early Excellence-Ansatzes:
1. Jedes Kind ist exzellent, so wie es auf die Welt gekommen ist.
2. Eltern sind die Expert:innen ihres Kindes und besitzen den reichsten Erfahrungsschatz in Bezug auf ihr Kind.
3. Die Kita öffnet sich in den Stadtteil und vernetzt sich mit den notwendigen Stellen.
Die drei Säulen spiegeln die besondere Haltung des Ansatzes wider. Er umfasst nicht nur das Kind als Individuum, sondern auch dessen Einbettung in die Familie als System. Zudem werden die Lebensfelder Familie und Kita sowie der SozialraumDas Fachkonzept der Sozialraumorientierung sieht vor, dass verschiedene Netzwerkpartner:innen (z. B. Kitas, Schulen, Beratungsstellen, ärztliche und therapeutische Praxen oder Bildungsstätten) die Lebenswelten von Menschen in einem Sozialraum (Dorf, Stadtteil oder -viertel) mit ihnen gemeinsam gestalten. Ziel ist es, Bedingungen zu schaffen, die es den Bewohner:innen ermöglichen, selbstbestimmt und aus eigener Kraft in schwierigen Lebenslagen zu agieren. Eine zentrale Rolle spielen dabei bedarfsorientierte Angebote und Unterstützungsarrangements, die durch gemeinsame Aktivitäten und Kooperationen von den Netzwerkpartner:innen erreicht werden können. Von diesen Angeboten und Unterstützungsarrangements können auch begabte bzw. hochbegabte Kinder und Jugendliche profitieren. Denn eine Vernetzung im Sozialraum kann dazu beitragen, dass ihre individuelle Förderung besser gelingt und Beratungsangebote niedrigschwellig erreicht werden können. Damit bieten sich den Kindern und Jugendlichen vielfältige Lern-, Unterstützungs- und Erfahrungsgelegenheiten, die ihre Ressourcen aktivieren. als übergeordnetes und einordnendes System in ihrer Relevanz hervorgehoben (vgl. 1, S. 6ff.; 2, S. 88ff.). Die pädagogischen Fachkräfte haben dabei die Aufgabe, die Bildungs- und Erziehungspartnerschaft aktiv zu gestalten: „In der Zusammenarbeit zwischen Familien und Pädagog*innen geht es um einen gleichwürdigen Dialog. Pädagog*innen sind sich dabei bewusst, dass eine gelingende Erziehungspartnerschaft für das Aufwachsen von Kindern von besonderer Bedeutung ist“ 6.
Um dies zu gewährleisten, findet sich neben den drei Säulen im Early Excellence-Ansatz der „Ethische Code“. Er umfasst fünf Sätze, die eine machtregulierende Kommunikation und eine kind- und familienzentrierte Zusammenarbeit ermöglichen (vgl. im Folgenden 7, S. 9):
- positiver Blick und eine solche Grundeinstellung gegenüber Kindern, Eltern, Familien und Mitarbeitenden
- Etablierung einer Vertrauensbasis und Machtabbau gegenüber allen Beteiligten
- strikte Orientierung an den Bedarfen und Wünschen von Kindern und Familien
- Entwicklung einer gemeinsamen Sprache, Einstellung und Haltung
- Informationen, Daten und Dokumentationen sind für alle verständlich und werden allen Beteiligten zur Verfügung gestellt.
Um einen Austausch zwischen Familien und Kita in der Praxis zu ermöglichen, bietet der Early Excellence-Ansatz einen besonderen konzeptionellen Ansatz für die Zusammenarbeit mit Eltern an (vgl. 8, S. 29).3 Hierzu bedarf es Beobachtungen, die nach Mustern – sogenannten Schemas – fragen und diese reflektieren. Solche Schemas können beispielsweise einwickeln, etwas verbinden oder punktieren sein (vgl. 9). Der Early Excellence-Ansatz strebt hierbei nach einem kontinuierlichen Kreislauf aus Beobachtungen, Dokumentationen, Reflexionen und dem gemeinsamen Dialog. Ziel ist ein fortlaufender Austausch und Rückkopplungen über diese Beobachtungen – sowohl innerhalb des Kita-Teams als auch zwischen pädagogischen Fachkräften und Eltern. Auf diese Weise werden unterschiedliche Perspektiven zusammengeführt, Entwicklungsprozesse gemeinsam gestaltet und die Bildungs- und Erziehungspartnerschaft gestärkt.
In der folgenden Grafik wird dies noch mal deutlich:

Grafik: eigene Darstellung in Anlehnung an 10, S. 36.
Aus der Beobachtung zu Hause sowie in der Kita können individuelle Fördermöglichkeiten für jedes Kind abgeleitet werden. Wenn beim Austausch zwischen Eltern und Fachkräften sowie innerhalb des Teams an die konkreten Beobachtungen angeknüpft wird, lässt sich die geforderte gemeinsame Sprache des ethischen Codes konsequent umsetzen. Dies löst den Effekt aus, dass nachfolgend auch ein Gespräch über das Erwartungsmanagement in Bezug auf die Kita geführt werden kann. Was kann die Einrichtung leisten? Was nicht? Welche Vereinbarungen (Ziel, Vorgehen, Überprüfung) werden getroffen?
Pädagogische Gestaltungsprozesse (sowohl für und mit dem Kind als auch in Elterngesprächen) sind so auch immer ein Austarieren. Denn viele Kinder mit hoher Begabung reagieren sensibel auf Unstimmigkeiten, zeigen einen hohen Gerechtigkeitssinn oder Rückzug bei Unterforderung, was Underachievement-Strukturen zur Folge haben kann (vgl. 3, S. 27f.; 11, S. 191ff.; 4, S. 22ff.).
Damit die individuelle Begleitung passend gestaltet werden kann, müssen auch innerhalb der Einrichtung Gelingensfaktoren beachtet werden. So braucht es innerhalb des Teams eine gemeinsame Sprache zu hohen Begabungen, konsistente Reaktionen auf kindliche Bedarfe und elterliche Verunsicherungen, bei Bedarf Fortbildungsangebote zur Qualitätssicherung, die in Maßnahmen wie beispielsweise kurzen Fallreflexionen, Wirksamkeitschecks oder dem Austausch guter Praxis münden.4 Letztlich lässt sich abschließend ein Gerechtigkeitsethos festhalten: Auf individuell konzipierte Angebote im Sinne einer gelingenden InklusionGrundgedanke der Inklusion ist, dass nicht Menschen sich an ein bestehendes System anpassen müssen, sondern das jeweilige System an diese. Im Falle einer inklusiven Begabungsförderung heißt das, dass das Bildungssystem so flexibel sein muss, dass alle Kinder und Jugendlichen unabhängig von ihren jeweils spezifischen Lernvoraussetzungen, Interessen und Bedürfnissen sowie unabhängig von Geschlecht, Kultur, sozialer Herkunft oder sozioökonomischem Status in ihrer Entwicklung gefördert werden.
Häufig wird der Begriff Inklusion ausschließlich im Zusammenhang von Menschen mit Behinderungen benutzt. Ein umfassendes Inklusionsverständnis umfasst jedoch alle Ausprägungen von Vielfalt. Auch eine Hochbegabung ist dann ein Merkmal von Heterogenität, auf das eine pädagogische Institution angemessen reagieren können muss. haben grundsätzlich alle Kinder ein Recht – auch jene mit besonderer Begabung (vgl. u. a. 3).
Individuelle Passung statt Sonderwege
Vermutete besondere Begabungen im Kita-Alter verlangen keine eindrucksvollen Sonderwege, sondern schlicht individuelle Passungsarbeit: präzise Beobachtungen, enttabuisierte Kommunikation, individualisierte co-designte Enrichment-AngeboteEnrichment (wörtl.: Anreicherung) ist der Oberbegriff für vertiefende Aufgaben oder Projekte in Kita und Schule für begabte, hochbegabte und besonders leistungsstarke Kinder sowie Schüler:innen. Sie haben dabei die Möglichkeit, sich mit Inhalten aus ihren Interessengebieten vertiefend zu beschäftigen. Im schulischen Kontext können Enrichment-Angebote entweder im Unterricht oder auch außerhalb des Unterrichts angeboten werden und sich inhaltlich, methodisch oder hinsichtlich des Lernarrangements vom regulären Unterricht unterscheiden. und Kooperation im Netzwerk. Professionelle Sensibilität im Sinne des Early Excellence-Ansatzes kann den Rahmen bilden, in dem die Förderung des Kindes auf der einen und dessen selbstverständliche Teilhabe in der Kindergruppe beziehungsweise der Gesellschaft auf der anderen Seite austariert werden. Wenn Kita-Teams Erwartungen klären und Eltern als Expert:innen ihres Kindes ernst nehmen, entsteht eine Zusammenarbeit, die sowohl das Kind als auch die Familie stärkt – ohne vorschnelle Etikettierung und mit Blick auf nachhaltige Bildungsbiografien.
Fußnoten
1 Im Folgenden wird aufgrund einer im Kita-Alter noch nicht endgültig möglichen DiagnostikDiagnostik bezeichnet die Abklärung einer spezifischen Fragestellung. Dafür werden unterschiedliche Informationsquellen genutzt. Findet Diagnostik im Zusammenhang mit einer (vermuteten) Hochbegabung vor allem mit Blick auf eine angemessene Förderung in Kita und Schule statt, spricht man auch von (Früh-)Pädagogischer Diagnostik. Eine psychologische Diagnostik wird häufig unterstützend bei komplexeren Fragestellungen eingesetzt und kann die Abklärung des Intelligenzniveaus (IQ-Test) beinhalten. in diesem Artikel von hoher oder besonderer Begabung gesprochen (vgl. 4, S. 8ff.; 3, S. 11ff.). Gleichzeitig verzichtet dieser Beitrag auf eine explizite Diskussion über die Definition von Hochbegabung, da der Fokus auf die Zusammenarbeit mit Familien gesetzt wird, vgl. hierzu bei Interesse 3 und 12.
2 Aufgrund der Länge dieses Beitrags muss hierbei auf eine Analyse des Zusammenbringens und der Folgen der Aspekte hohe Begabung und soziale Ungleichheit im frühpädagogischen Setting verzichtet werden. Hinweise und Gedanken finden sich u. a. bei 3 und 4.
3 Im Fachjargon wird diese Methode als „Pen Green Loop“ bezeichnet (vgl. 8, S. 29).
4 Besondere Relevanz erhält dieser Punkt bei der Transition in die Grundschule. Denn diese erfordert ein Stärken- und Bedarfsprofil: Was motiviert das Kind? Welche Lernumgebungen fördern, ohne zu unter- oder überfordern? Eine enge Kooperation mit der Grundschule ist hierbei notwendig, um den schmalen Grat zwischen AkzelerationAkzeleration wird in der Regel im schulischen Kontext angewendet. Es bedeutet, dass einige Schüler:innen im Lehrplan vorgesehene Themen zu einem früheren Zeitpunkt beginnen, schneller behandeln oder früher beenden als andere Schüler:innen derselben Altersstufe. Ein Grund dafür kann eine hohe kognitive Begabung sein. Formen der Akzeleration sind z. B. die vorzeitige Einschulung, das Überspringen einer Klasse oder das Juniorstudium. Hauptziel ist es, die Lerninhalte für Kinder und Jugendliche mit einer hohen kognitiven Begabung so anzupassen, dass sie den Fähigkeiten der Lernenden entsprechen. Auch in der Kita ist es oft möglich, die Teilnahme an pädagogischen Angeboten an die individuelle Entwicklung des Kindes anzupassen. vs. Enrichment individuell im Kontext der Familiensituation zu gestalten (vgl. u. a. 3; 12; 4; S. 54ff.; 11).
Quellen
1 Rau, A.; Saumweber, K.; Kluge, L. (2018): Der Early Excellence-Ansatz: Begleitung und Unterstützung von Kindern und ihren Familien. URL: https://www.kita-fachtexte.de/fileadmin/Redaktion/Publikationen/KiTaFT_Rau_Saumweber_Kluge_2018_EarlyExcellenceAnsatz.pdf (Abrufdatum: 27.04.2026).
2 Kluge, L. (2019): Der Family Outreach Service als ein bedeutendes Betätigungsfeld für Early Excellence-Einrichtungen? Eine qualitative Studie zur Bedarfsermittlung, Analyse der Ausgangssituationen in England und Deutschland sowie zu Umsetzungsmöglichkeiten und Handlungsempfehlungen in Deutschland. URL: https://opus.ph-heidelberg.de/frontdoor/deliver/index/docId/348/file/Lucie_Kluge_Dissertation.pdf (Abrufdatum: 27.04.2026).
3 Mähler, C.; Cloos, P.; Schuchhardt, K.; Zehbe, K. (2023): Hochbegabung und soziale Ungleichheit in der frühen Kindheit. Weinheim/Basel: Beltz Juventa.
4 Koop, C.; Seddig, N. (2020): Fragen und Antworten zum Thema hohe kognitive Begabung im Kita-Alter. Karg Hefte – Beiträge zur Begabtenförderung und Begabungsforschung, Karg Sonderheft I. Frankfurt am Main: Karg-Stiftung. URL: https://www.fachportal-hochbegabung.de/oid/1002/ (Abrufdatum: 27.04.2026).
5 Sander, T. (2014): Habitussensibilität. Eine neue Anforderung an professionelles Handeln. Wiesbaden: Springer.
6 Heinz und Heide Dürr Stiftung (2026): Die Säulen von Early Excellence. URL: https://www.early-excellence-connect.de/ee-drei-saeulen (Abrufdatum: 27.04.2026).
7 Burdorf-Schulz, J. (2017): Von der Kita zum Familienzentrum nach dem Early Excellence-Ansatz. Berlin: dohrmannVerlag.berlin.
8 Whalley, M. (2008): Neue Betreuungsformen, neue Arbeitsweisen – das Pen Green Centre. In: Whalley, M. und das Pen Green Center Team (Hrsg.): Eltern als Experten ihrer Kinder. Das „Early Excellence“ – Modell in Kinder- und Familienzentren. Berlin: dohrmannVerlag.berlin, S. 21–30.
9 Saumweber, K. (2014): Schemas im Early Excellence Ansatz. Berlin: Heinz und Heide Dürr Stiftung.
10 Whalley, M. (o. J.): Early Excellence Centre – Ein Ort für einen sicheren Start für Kinder und ihre Familien. Corby: Pen Green Zentrum. URL: https://www.early-excellence.de/binaries/addon/66_dokumentation_whalley.pdf (Abrufdatum: 27.04.2026).
11 Marx, R.; Günther, A.; Palloks, K. (2017): Bildungsprozesse im Übergang von der Kita in die Grundschule. Eine Evaluationsstudie zum Early Excellence-Ansatz in Deutschland. Berlin: dohrmannVerlag.berlin.
12 Arnold, D.; Preckel, F. (2025): Hochbegabte Kinder klug begleiten. Ein Handbuch für Eltern. 6. Auflage. Weinheim/Basel: Beltz.
Unsere Autorin

Prof. Dr. Lucie Kluge
ist Professorin für Soziale Arbeit und Frühe Bildung an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg am Standort Stuttgart und dort als Studiengangsleitung tätig. Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind: Soziale Arbeit im Kontext Kindheitspädagogik, Theorien und Methoden Sozialer Arbeit, Ansätze in der Frühen Bildung, Biografiearbeit, die Zusammenarbeit mit Familien und die Konstruktion sowie die (präventive) Begleitung von Elternschaft und Familie.
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