Für diese Toolbox hat Annika Scholl Praxisbeispiele aus ihrer täglichen Arbeit als Fachberaterin für besondere Begabungen zusammengestellt. Sie zeigen, mit welchen Fragestellungen Kitas, Fachkräfte und Eltern an sie herantreten. Die geschilderten Situationen greifen Herausforderungen auf, bei denen Beratung, Vermittlung und ein Perspektivwechsel gefragt sind.
Auf der Vorderseite der Klappkarten werden die Fallbeispiele präsentiert. Nehmen Sie sich einen Moment Zeit und überlegen Sie selbst, wie Sie in dieser Situation vorgehen würden. Auf der Rückseite der Karten (erreichbar über den roten Pfeil) finden Sie eine mögliche Vorgehens- oder Lösungsstrategie – nicht als einzig richtiger Weg, sondern als Impuls, einen eigenen professionellen Umgang mit vergleichbaren Situationen zu entwickeln.
Mariam – zwischen zwei Welten
Mariam ist vier Jahre alt und liebt Zahlen. Sie legt begeistert geometrische Muster, zählt bis 100 und erkennt Strukturen in Bildern. Ihre Eltern sind vor Kurzem mit ihr geflohen und sprechen kaum Deutsch. Die pädagogische Fachkraft ruft mich an, weil sie Mariams Fähigkeiten bemerkt – und zugleich Angst hat, sie zu überfordern oder die anderen Kinder zu vernachlässigen. Bei unserem ersten Treffen sehe ich die Unsicherheit in den Augen der Fachkraft: Sie will alles richtig machen. Zwischen Tür und Angel begegne ich der Mutter – angespannt, unsicher, ob sie über die Begabung ihrer Tochter sprechen darf. Im Gespräch zeigt sich: Sie schämt sich, weil sie die Sprache noch nicht beherrscht, und fürchtet, als „schwache“ Mutter zu gelten.

Mögliche Vorgehens- oder Lösungsstrategie
Gemeinsam mit dem Team entwickeln wir kleine Schritte:
- Wir laden die Mutter ins Elterncafé ein und bitten eine Kollegin, beim ersten Treffen zu übersetzen.
- Dort erzählt sie stolz von Mariams Rechenkünsten – und hört von anderen Eltern ähnliche Geschichten. Diese Erfahrung entlastet sie; sie merkt, dass ihre Freude berechtigt ist.
- Die pädagogische Fachkraft und ich vereinbaren, Mariam gelegentlich in einer Forscherwerkstatt knifflige Aufgaben anzubieten und sie im Freispiel weiter mit ihren Freunden spielen zu lassen.
- Ich stelle der Familie einen Spielebeutel mit Materialien zur Verfügung, um zu Hause spielerisch an Mariams Interessen anzuknüpfen.
Nach einigen Wochen berichten sowohl Fachkraft als auch Mutter von neuen Sicherheiten. Die Mutter besucht nun regelmäßig das Elterncafé, erzählt mit leuchtenden Augen, wie sehr Mariam wächst, und die pädagogische Fachkraft sagt lächelnd: „Ich vertraue jetzt meinen Beobachtungen – und Mariam blüht auf.“

Paul – der nachdenkliche Wortakrobat
Paul ist fünf Jahre alt, kann Gedichte nach einmaligem Hören rezitieren und stellt erstaunlich komplexe Fragen. Gleichzeitig ist er geräuschempfindlich und zieht sich oft zurück. Seine Eltern sind stolz, aber verunsichert: Sie möchten nicht, dass Paul als „anders“ gilt, und fürchten, seine emotionale Sensibilität könne ihm schaden. Auch die pädagogische Fachkraft ist unsicher, wie sie zwischen Förderung und Überforderung abwägen soll.

Mögliche Vorgehens- oder Lösungsstrategie
Wir beginnen mit ruhiger, strukturierter Beobachtung:
- Gemeinsam führen wir behutsam dokumentierte Beobachtungen ein, die Pauls Interessen und Emotionen sichtbar machen.
- In einem wöchentlichen Angebot „Philosophieren mit Kindern“ darf Paul seine Gedanken äußern und gleichzeitig Zuhören üben.
- Die Fachkraft probiert mit meiner Begleitung Achtsamkeitsübungen aus, um laute Phasen zu strukturieren.
- Ich rege die Eltern an, zu Hause eine Leseecke einzurichten – einen Rückzugsort, wenn es ihm zu viel wird.
- Später entsteht die Idee eines Familien-Schach-Angebots, bei dem Eltern und Kinder gemeinsam knobeln und lachen.
In diesen Momenten erleben die Eltern, dass Pauls Sensibilität eine Stärke ist: Er kann sich in andere hineinversetzen und behält auch in schwierigen Situationen den Überblick. Nach und nach wandelt sich die Angst in Vertrauen. Heute nimmt Paul aktiv am Kita-Alltag teil und freut sich über den Austausch mit anderen Kindern. Seine Eltern berichten stolz und erleichtert, dass aus Unsicherheit Zuversicht geworden ist.

Lina – die mitfühlende Vermittlerin
Lina, fünf Jahre alt, beobachtet alles. Wenn andere Kinder streiten, ist sie die Erste, die schlichtet. Sie spürt Spannungen, bevor jemand etwas sagt, und übernimmt Verantwortung, die eigentlich Erwachsenen zukommt. Das Team bewundert sie – und sorgt sich zugleich, dass Lina zu wenig Kind sein darf.

Mögliche Vorgehens- oder Lösungsstrategie
Ich bespreche mit dem Team, dass Empathie selbst eine Form von Begabung ist – oft übersehen, weil sie so selbstverständlich wirkt. Wir reflektieren gemeinsam:
- Wo darf Lina einfach spielen, ohne Verantwortung zu spüren?
- Welche Aufgaben kann das Team bewusst nicht an sie delegieren?
- Wie kann sie Unterstützung erfahren, ohne ihr Mitgefühl zu verlieren?
Wir entwickeln ein Rollensystem, bei dem Verantwortung rotiert, damit Lina entlastet wird. In einer Teamsitzung thematisiere ich: „Wie gehen wir mit Kindern um, die zu viel Rücksicht nehmen?“ Nach einigen Wochen berichtet die pädagogische Fachkraft, dass Lina fröhlicher spielt, öfter lacht – und sich traut, selbst Fehler zu machen. Ihr Mitgefühl bleibt, aber es ist leichter geworden.

Jonas – der entschlossene Freigeist
Jonas, fünf Jahre alt, ist laut, wild und willensstark. Er widerspricht offen, läuft los, bevor jemand „Start“ sagt, und sucht ständig neue Reize. Manche Fachkräfte empfinden ihn als anstrengend, andere sehen sein Potenzial. Konflikte enden oft in Machtkämpfen.

Mögliche Vorgehens- oder Lösungsstrategie
Ich bespreche mit dem Team, dass Jonas’ Verhalten Ausdruck seines Bedürfnisses nach Selbstwirksamkeit ist – nicht bloße Regelverletzung. Wir stellen uns Fragen:
- Wo kann Jonas mitbestimmen, ohne das Gruppengefüge zu sprengen?
- Wie können Regeln gemeinsam ausgehandelt werden?
- Welche Verantwortung kann er übernehmen?
Jonas darf künftig beim Aufbau des Bewegungsraums mitplanen und bekommt Aufgaben, bei denen er führen darf. Ich begleite das Team darin, Ruhe zu bewahren und Grenzen beziehungsorientiert zu setzen. Wenn Jonas erlebt, dass seine Meinung zählt, verliert sein Widerstand an Schärfe. Seine Energie wird zur Ressource: Er hilft Jüngeren beim Aufräumen, erklärt stolz Regeln und bekommt spürbar Freude daran, Verantwortung zu übernehmen.

Unsere Autorin

Annika Scholl
ist staatlich anerkannte Erzieherin und zertifizierte Begabtenpädagogin. Aktuell studiert sie Soziale Arbeit (B.A.) und ist als
Foto: privat



