Was macht eine Fachberaterin für besondere Begabungen? Wie kann ich mir das vorstellen?
Ich bin als FachberaterinFachberater:innen stehen Kitas in der Regel als Angestellte eines Trägers als Ansprechpartner:innen zur Verfügung, um professionelle Unterstützung und Begleitung in verschiedenen Bereichen anzubieten. Fachberater:innen sind häufig auf einen bestimmten Themenkomplex spezialisiert (zum Beispiel hohe Begabungen, Inklusion, Sprachförderung). Sie beraten Teams zu pädagogischen Fragen, zur Qualitätsentwicklung sowie zur konzeptionellen Arbeit oder vermitteln bei Konflikten zwischen Eltern, Fachkräften und dem Träger. Im Kontext der Begabungsförderung können Fachberater:innen gezielte fachliche Impulse geben, wie zum Beispiel zur differenzierten Beobachtung von Begabungen oder zur Gestaltung herausfordernder Lernangebote. Zudem unterstützen sie Kitas dabei, begabungsförderliche Rahmenbedingungen, wie zum Beispiel eine wertschätzende, nicht etikettierende Haltung im Team, weiterzuentwickeln. für besondere BegabungenBegabung bezeichnet intellektuelle Fähigkeits- bzw. Leistungspotenziale eines Menschen. Unter günstigen Bedingungen können sich Begabungen zu herausragenden Leistungen oder großem Kenntnis- und Wissensreichtum entwickeln.
Begabung bezeichnet damit die Möglichkeit – nicht das Vorliegen – hoher Leistung. „Hochbegabung“ stellt eine besonders hochgradige Ausprägung von „Begabung“ dar. Von „hoher Begabung“ spricht man bei Kindern im Kita-Alter, bei denen eine Hochbegabung vermutet, aber noch nicht zuverlässig festgestellt werden kann. bei einem großen Kita-Träger tätig. Zusammen mit anderen Fachberater:innen, die jeweils unterschiedliche Schwerpunkte haben, zum Beispiel InklusionGrundgedanke der Inklusion ist, dass nicht Menschen sich an ein bestehendes System anpassen müssen, sondern das jeweilige System an diese. Im Falle einer inklusiven Begabungsförderung heißt das, dass das Bildungssystem so flexibel sein muss, dass alle Kinder und Jugendlichen unabhängig von ihren jeweils spezifischen Lernvoraussetzungen, Interessen und Bedürfnissen sowie unabhängig von Geschlecht, Kultur, sozialer Herkunft oder sozioökonomischem Status in ihrer Entwicklung gefördert werden.
Häufig wird der Begriff Inklusion ausschließlich im Zusammenhang von Menschen mit Behinderungen benutzt. Ein umfassendes Inklusionsverständnis umfasst jedoch alle Ausprägungen von Vielfalt. Auch eine Hochbegabung ist dann ein Merkmal von Heterogenität, auf das eine pädagogische Institution angemessen reagieren können muss. oder Sprache, arbeite ich in einem Team. Wir stehen den Kitas unseres Trägers zu den unterschiedlichen Schwerpunkten als Ansprechpartner:innen zur Verfügung. In meiner Funktion als Fachberaterin für besondere Begabungen ist es meine Aufgabe, Kitas zu besuchen, zu beraten und zu coachen, wenn es um Kinder mit hohem kognitiven PotenzialDer Begriff Potenzial beschreibt die Voraussetzungen und Möglichkeiten von Kindern bzw. Jugendlichen auf einem bestimmten Gebiet (Hoch-)Leistungen zu erbringen. geht. Dazu organisiere ich Fortbildungen rund um dieses Thema oder führe sie selbst durch. Ich moderiere Fallbesprechungen, begleite Teams bei kollegialen Beratungen oder unterstütze Reflexionsprozesse. Zudem gestalte ich, wie andere Fachberatungen auch, regelmäßige ElterncafésElterncafés können in Kitas als festes Angebot implementiert werden oder eine geplante Veranstaltung sein, bei der Eltern in caféähnlicher Atmosphäre zusammenkommen. Sie bieten ihnen Raum für Austausch, Begegnung und das Teilen von Erfahrungen, sowohl untereinander als auch mit pädagogischen Fachkräften. Für die Begabungsförderung von Kindern sind Elterncafés eine niedrigschwellige Gelegenheit, Impulse zur Wahrnehmung und Förderung individueller Begabungen zu geben oder anzustoßen. Zudem können sie dazu genutzt werden, externe Fachpersonen in die Kita einzuladen. Eltern können hier auf informellem Weg passende Informationen über das Thema Hochbegabung erhalten und auch erste Orientierungs- und Beratungsangebote kennenlernen. und Eltern-Kind-Angebote in den Einrichtungen. Ich stehe auch als Vermittlerin zwischen pädagogischen Fachkräften, Eltern und dem Träger zur Verfügung. In meiner täglichen Arbeit unterstütze ich die Kitas unseres Trägers dabei, begabungsfreundliche Strukturen zu entwickeln und sie auf ihrem Weg zu einer begabungsförderlichen Haltung zu begleiten.
Sie sind als Fachberaterin für 54 Kitas zuständig. Wie würden Sie Ihre Rolle als Fachberatung beschreiben?
Für mich ist meine Arbeit mehr als ein Beruf – sie ist meine Berufung. Ich begleite Kinder, Eltern und pädagogische Fachkräfte dabei, besondere Begabungen von Kindern im Alltag wahrzunehmen und passende Wege der Förderung zu finden. Immer wieder begegne ich dabei einer großen Vielfalt an Emotionen. Sowohl Eltern als auch Fachkräfte sind stolz auf das, was Kinder schon können, haben aber auch Unsicherheiten und Fragen. Fachberatung bedeutet, Brücken zu bauen – zwischen Unsicherheit und Vertrauen, Wahrnehmung und Handlung. Sie begleitet, stärkt und inspiriert.
Dabei verstehe ich mich als Person, die Orientierung gibt und Prozesse begleitet. Ich unterstütze Teams dabei, ihre pädagogische Arbeit weiterzuentwickeln, Strukturen zu schaffen, die Handlungsspielräume eröffnen, und Lösungen zu finden, die zum jeweiligen Kita-Alltag passen. Oft geht es darum, verschiedene Perspektiven auf die Begabungsförderung eines Kindes zusammenzuführen: die des Kindes selbst, die der Eltern und die der Fachkräfte. Meine zentrale Aufgabe ist es, unterschiedlichen Stimmen hörbar zu machen und mit den Kindern, Eltern und Fachkräften gemeinsam Wege zu entwickeln, die funktionieren. In den 54 Einrichtungen, die ich begleite, bedeutet das vor allem, Vertrauen aufzubauen, Austausch zu ermöglichen und Mut zu machen, neue Schritte zu gehen – immer mit dem Blick darauf, was ein Kind braucht, um sich gut entwickeln zu können.
Welche Angebote und Formate gehören zu Ihrem Arbeitsalltag, wenn es darum geht, besondere Begabungen bei Kindern zu erkennen und zu fördern?
Mein Arbeitsalltag ist sehr vielseitig – und genau das macht ihn so spannend. Um besondere Begabungen bei Kindern sichtbar zu machen, braucht es keine isolierten Tests, sondern vor allem Räume, Beziehungen und feinfühlige BeobachtungIn der Begabungs- und Begabtenförderung werden Beobachtungen und deren Dokumentation als ein Teil der pädagogischen Diagnostik eingesetzt, um besondere Begabungen bei Kindern und Jugendlichen erkennen zu können. Ziel ist es, Erkenntnisse z. B. über das Spiel-, Sozial- oder Lernverhalten von Kindern und Jugendlichen in der Kita oder Schule zu erhalten und auf dieser Grundlage pädagogische Entscheidungen zu treffen. Beobachtungen können dabei mithilfe von Checklisten oder Beobachtungsbögen, Portfolio, Bildungs- und Lerngeschichten durchgeführt werden.. Deshalb nutze ich unterschiedliche Formate, die sich an den Bedürfnissen der Kinder, der Teams und der Eltern orientieren. Zum Beispiel alltagsintegrierte Beobachtungsschulungen. Dabei zeige ich Fachkräften, wie sie im ganz normalen Kita-Geschehen kleine, aber bedeutsame Signale wahrnehmen können: das ungewöhnlich beharrliche Experimentieren, die schnellen gedanklichen Verknüpfungen oder die kreative Art, Probleme zu lösen. Viele pädagogische Fachkräfte sagen mir danach: „Jetzt sehe ich einiges ganz anders.“
In Reflexionsrunden und Fallbesprechungen nehmen wir uns gemeinsam Zeit, konkrete Situationen aus dem Kita-Alltag zu beleuchten. Welche Stärken werden sichtbar? Welche Bedürfnisse stecken dahinter? Welche Impulse könnten das Kind herausfordern – aber nicht überfordern? Diese Runden sind oft sehr lebendig und eröffnen neue Perspektiven für die ganze Einrichtung. Manchmal begleite ich Teams direkt in ihrer Arbeit und hospitiere vor Ort. Dabei beobachte ich Spielsituationen, Projektphasen oder ÜbergängeVon Übergängen oder auch Transitionen spricht man z. B. im Bereich Schule und Kita vor allem beim Wechsel vom Elternhaus in den Kindergarten, vom Kindergarten in die Schule und von der Schule in die Ausbildung/den Beruf/das Studium. Solche institutionellen Übergänge erfordern immer eine Anpassungs- und Bewältigungsleistung von den Übergänger:innen. Diese Bewältigung kann und sollte ko-konstruktiv und ressourcenorientiert von pädagogischen Fachkräften, Lehrpersonen, Eltern und dem sozialen Umfeld begleitet werden. Wünschenswert ist dabei vor allem auch die Sicht der Kinder und Jugendlichen selbst, denn sie stehen im Mittelpunkt des Übergangs. (Gerade auch begabte) Kinder und Jugendliche profitieren dabei davon, wenn Informationen zu ihrem Bildungsverlauf bzw. zu besonderen Potenzialen und Interessen institutionsübergreifend kommuniziert werden. und gebe anschließend Feedback. Diese Besuche schaffen eine wertvolle Nähe zwischen Theorie und Praxis, weil die Fachkräfte sofort ausprobieren können, was wir besprechen.
In thematischen Fortbildungen und Workshops tauchen wir tiefer ein – etwa in die Fragen, wie man eine begabungsfreundliche Umgebung gestaltet, wie MotivationMotivation bezieht sich auf die Handlungsbereitschaft einer Person im Hinblick auf ein angestrebtes Handlungsergebnis. Eine hoch motivierte Person ist bereit, sich intensiv und ausdauernd mit etwas auseinanderzusetzen. Motivation beinhaltet mehrere Facetten, z. B. Emotionen, Interessen oder Zielorientierungen. Motivation ist ein Persönlichkeitsmerkmal, welches die Umsetzung von Begabung in Leistung wesentlich mitbeeinflusst. Niedrige Motivation spielt entsprechend eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Underachievement. Im Zusammenhang mit Hochbegabung ist beispielsweise die kognitive Motivation (Need for Cognition) von besonderer Bedeutung. entsteht oder wie man Kinder begleitet, die zwar kognitiv weit voraus sind, aber vielleicht zum Beispiel emotional noch Unterstützung brauchen. Diese Tage sind oft inspirierend und voller Aha-Momente.
Bei Eltern-Kind-Angeboten und in Elterncafés erlebe ich die Familien ganz unmittelbar: beim gemeinsamen Experimentieren, Forschen oder Bauen. Viele Eltern sehen ihr Kind in einem neuen Licht, wenn sie beobachten, wie intensiv es sich vertieft. Gleichzeitig entsteht in den Gesprächen ein warmes, offenes Miteinander – eine wichtige Voraussetzung für jede Form der Begabungsförderung.
Manchmal geht es weniger um einzelne Kinder, sondern um die Frage: Wie kann unsere Kita insgesamt begabungsfreundlicher werden? Dann unterstütze ich Teams dabei, ihr Konzept weiterzuentwickeln, Räume neu zu denken oder Prozesse anzupassen – immer mit dem Ziel, Vielfalt und individuelle Entwicklung zu ermöglichen.
Begabungsförderung ist keine Einzeldisziplin, sondern lebt von Vernetzung. Deshalb stelle ich Kontakte zwischen Kitas her, gebe Impulse aus anderen Einrichtungen weiter und bringe Fachkräfte in den Austausch. Diese NetzwerkeNetzwerke können die Begabungs- und Begabtenförderung unterstützen. Durch die Vernetzung verschiedener Akteure wie z. B. Kitas, Schulen unterschiedlicher Schulformen, Schulpsychologie, (Erziehungs-)Beratungsstellen und weiterer Akteure der Bildungslandschaft, aber auch Bildungspolitik und -administration können gemeinsame Konzepte zur Begabungs- und Begabtenförderung entwickelt und umgesetzt werden. sind oft wahre Kraftquellen für die pädagogische Arbeit.
Kurz gesagt: Ich öffne Räume für Begegnung, für Erkenntnisse und für Entwicklung. Jede Kita, jedes Team, jede Familie bringt ihre eigene Geschichte mit. Durch die Vielfalt der Angebote, die ich mitbringe, kann ich genau dort ansetzen, wo Unterstützung gerade gebraucht wird.
Eingangs haben Sie gesagt, dass Ihnen in Ihrer Arbeit unterschiedliche Emotionen begegnen. Welche Unsicherheiten oder Ängste begegnen Ihnen bei Fachkräften und Eltern in Bezug auf besondere Begabungen bei Kindern häufig?
Wenn pädagogische Fachkräfte Beobachtungen machen, die zeigen, dass ein Kind kognitiv weiter sein könnte als andere Kinder, entstehen Unsicherheiten, mit denen sich die Fachkräfte an mich wenden können. Beispielsweise machen sie sich Sorgen darüber, etwas zu übersehen, etwas falsch einzuschätzen, etwas überzubewerten, die Erwartungen der Eltern nicht zu erfüllen oder Eltern gegebenenfalls Angst zu machen, wenn sie das Thema ansprechen. Sie befürchten, ihnen gar einen Floh ins Ohr zu setzen, dass ihr Kind hochbegabt sein könnte, obwohl es keine abgesicherte Diagnose gibt. Diese Unsicherheit entsteht oft aus dem Wunsch heraus, jedem Kind gerecht zu werden – gerade dann, wenn Fähigkeiten über das hinausgehen, was man im Kita-Alltag gewohnt ist.
Auch bei Eltern erlebe ich eine Mischung aus Stolz und Verunsicherung. Sie spüren, dass ihr Kind Dinge schneller oder anders versteht, sind sich aber nicht sicher, wie sie das einordnen sollen. Manche fragen sich, ob sie übertreiben, ob ihr Kind „zu sehr heraussticht“ oder ob sie im Umgang damit etwas falsch machen könnten.
In Familien, in denen Deutsch nicht die erste Sprache ist, kommen manchmal zusätzliche Hürden hinzu, wie zum Beispiel Scham, etwas nicht richtig ausdrücken zu können, oder die Sorge, bewertet zu werden. Es geht dabei häufig um den Wunsch, dass das eigene Kind faire Chancen bekommt – unabhängig von Herkunft oder Sprache.
Wie unterstützen Sie Fachkräfte und Eltern dabei, mit diesen Unsicherheiten und Ängsten umzugehen?
Ich sehe meine Aufgabe darin, diese Gefühle ernst zu nehmen und in Vertrauen zu verwandeln. In kollegialen Beratungen ermutige ich Fachkräfte, behutsam hinzuschauen, Fragen zu stellen und Dinge auszuprobieren. Wir besprechen Beobachtungen, überlegen, welche Angebote im Alltag getestet werden können, und reflektieren deren Wirkung. Eltern lade ich zu Gesprächen ein und mache ihnen Mut, ihre Beobachtungen zu teilen. Zum Beispiel entsteht in vielen Elterncafés eine Atmosphäre der Offenheit, in der Stolz und Sorgen nebeneinander Platz haben.
Warum ist eine starke Bildungs- und Erziehungspartnerschaft zwischen Kita und Eltern gerade im Kontext besonderer Begabungen so entscheidend?
Meine tägliche Arbeit in und mit den Kitas zeigt, wie eng Begabungsförderung mit Emotionen, Vertrauen und Beziehung verknüpft ist. Forschungsergebnisse zeigen, dass neben individuellen DispositionenDispositionen bezeichnen grundlegende Neigungen, Fähigkeiten oder Einstellungen eines Menschen, die in einem gewissen Ausmaß von Geburt an angelegt sind. Sie sind relativ stabile Personenmerkmale, die Kognition, Verhalten und Emotionen eines Menschen beeinflussen können. Dispositionen von Kindern mit hohen Begabungen können zum Beispiel intensive Neugier, schnelle Auffassungsgabe oder besondere Problemlösefreude sein. In Bildungs- und Beratungskontexten kann die Berücksichtigung individueller Dispositionen von Kindern dazu beitragen, differenzierte und wirksame Lernangebote zu gestalten, die an die Interessen und Stärken eines Kindes anknüpfen. insbesondere das familiäre Umfeld und die Kitas einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung von Kindern haben. Eine gelingende Bildungs- und ErziehungspartnerschaftBildungs- und Erziehungspartnerschaften bezeichnen die enge, vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen pädagogischen Fachkräften in der Kita und den Erziehungsberechtigten. Beide Seiten bringen ihr Wissen, ihre Erfahrungen und Perspektiven ein, um ein Kind gemeinsam bestmöglich in seinen Bildungs- und Lernprozessen zu begleiten. Solche Partnerschaften können dabei unterstützen, die häufig komplexen Lerninteressen und Entwicklungsverläufe von Kindern mit hohen Begabungen systematisch aus der Perspektive der Kita wie auch der Erziehungsberechtigten zusammenzuführen, um daraus eine abgestimmte Förderplanung zu entwickeln. zwischen Kita und Eltern bietet somit die Chance, diese Entwicklungsprozesse aufzugreifen und die Begabungsförderung nachhaltig zu stärken.
Für bildungsferne Familien kann die Kita ein Türöffner sein, der ihnen Wege zur Förderung ihrer begabten Kinder zeigt. So entsteht ein doppelter Gewinn: Die Kita stärkt Kinder in ihren individuellen Fähigkeiten – und schafft gleichzeitig faire Chancen für Familien, die Unterstützung benötigen. Eine ressourcenorientierteRessourcenorientierung umschreibt eine pädagogische und beraterische Haltung, die die persönlichen Stärken, Potenziale und Fähigkeiten einer Person und ihrer Umwelt in den Mittelpunkt stellt. Die vorhandenen Ressourcen, deren Bewusstmachung und Stärkung werden als wesentliche Quelle für die lernbezogene und persönliche Entwicklung angesehen.
In einem ressourcenorientierten Sinne wird eine Hochbegabung nicht als möglicher Auslöser von Problemen im Unterricht oder im Leben betrachtet, sondern in erster Linie als Potenzial. Die Würdigung und Aktivierung dieses Potenzials unterstützt die erfolgreiche Entfaltung der Begabung und die Bewältigung von spezifischen Herausforderungen auf eine Art, die eine gelingende Integration der Hochbegabung in das Selbstkonzept fördert. Haltung, die die Stärken des Kindes in den Mittelpunkt stellt, ist dabei der gemeinsame Leitgedanke.
Eltern kennen ihr Kind in all seinen Facetten. Die Kita sieht es hauptsächlich im sozialen Miteinander und im Lernalltag. Erst wenn beide Perspektiven zusammenkommen, entsteht ein Gesamtbild, das es ermöglicht, ein Kind wirklich gut zu begleiten. Vertrauen spielt dabei eine zentrale Rolle: Nur wenn Eltern sich ernst genommen fühlen und Fachkräfte den Beobachtungen der Eltern Bedeutung schenken, kann eine passgenaue Förderung gelingen. Hier zeigt sich gute Zusammenarbeit zwischen der Kita und den Eltern. Beide Beobachtungsperspektiven sind zu berücksichtigen.
Was motiviert Sie persönlich an Ihrer Arbeit – insbesondere im Kontext der Begabungsförderung in Kitas?
Ich liebe meinen Beruf, weil er mich täglich daran erinnert, dass wir Erwachsene eine große Verantwortung haben: Wir können Ängste in Mut verwandeln, indem wir zuhören, begleiten und gemeinsam ausprobieren. Wenn ich sehe, wie aus Unsicherheit Zuversicht wird und wie Kinder mit strahlenden Augen von ihren Entdeckungen erzählen, weiß ich, warum ich diesen Weg gewählt habe: Begleitung mit Herz und Verstand – empathisch, klar, verbindend.
Was bedeutet „Begleitung mit Herz und Verstand“ für Sie?
„Herz“ bedeutet für mich, Menschen wirklich wahrzunehmen – mit ihren Fragen, Erwartungen und manchmal auch Sorgen. Beziehungen, Vertrauen und echtes Interesse bilden die Grundlage meiner Arbeit. Ohne diese Verbindung kann Fachberatung nicht gelingen.
„Verstand“ steht für die fachliche Seite: Orientierung geben, Strukturen sichtbar machen, Wissen teilen und gemeinsam Lösungen entwickeln. Es geht darum, Prozesse verständlich zu machen und Wege aufzuzeigen, die Teams und Familien weiterbringen.
Beides zusammen prägt mein Verständnis von Fachberatung. Sie ist für mich kein Reparaturbetrieb, der Probleme behebt, sondern ein gemeinsamer Lernweg. Ein Prozess, der von Respekt, Achtsamkeit und der Freude an Entwicklung getragen wird – für die Kinder, aber auch für die Erwachsenen, die sie begleiten.
Zum Weiterlesen
1 Pohlmeier, L. (2021): Wer oder was trägt zur Förderung hoher Begabungen im Kita-Alter bei? Frankfurt am Main: Karg-Stiftung. URL: https://www.fachportal-hochbegabung.de/oid/10028 (Abrufdatum: 27.04.2026)
2 Koop, C.; Seddig, N. (2020): Fragen und Antworten zum Thema hohe kognitive Begabung im Kita-Alter. Karg Hefte – Beiträge zur Begabtenförderung und Begabungsforschung, Karg Sonderheft I. Frankfurt am Main: Karg-Stiftung. URL: https://www.fachportal-hochbegabung.de/oid/1002 (Abrufdatum: 27.04.2026)
Unsere Interviewpartnerin

Annika Scholl
ist staatlich anerkannte Erzieherin und zertifizierte Begabtenpädagogin. Aktuell studiert sie Soziale Arbeit (B.A.) und ist als Fachberaterin beim AWO Regionalverband Rhein-Erft & Euskirchen tätig. Sie bringt langjährige Praxiserfahrung aus der frühkindlichen Bildung mit und verbindet in ihrer täglichen Arbeit fachliches Know-how mit einem wertschätzenden Blick auf die individuellen Potenziale von Kindern und die Zusammenarbeit mit Familien. Annika Scholl lebt in Bergheim bei Köln (NRW) und ist Mutter einer 16-jährigen Tochter.
Foto: privat
Das Gespräch führte

Lisa Mol
ist Kindheitspädagogin und leitete mehrere Jahre eine inklusive Kita in Hamburg. Seit 2020 ist sie als Projektleitung Frühe Bildung bei der Karg-Stiftung tätig. Dort gestaltet sie die Weiterentwicklung zentraler Themen der Frühen Bildung mit einem besonderen Fokus auf inklusive Begabungsförderung in Kitas.
Foto: Karg-Stiftung


