Wenn Eltern und pädagogische Fachkräfte zusammenarbeiten und dabei die besonderen Begabungen eines Kindes gemeinsam in den Blick nehmen, kann etwas Besonderes entstehen.
Stellen Sie sich vor, Sie haben als Fachkraft Eltern vor sich, deren Kind früher liest als alle anderen. Das philosophische Fragen stellt, schon bevor es in die Kita gekommen ist. Das beim Basteln die Schere wütend in die Ecke wirft, weil das Ergebnis nicht dem entspricht, was es sich vorgestellt hatte. Sie und die Eltern spüren: Dieses Kind hat ein besonderes Potenzial. Gleichzeitig ist da aber auch eine Verunsicherung: Wie kann das Kind gut in der Kita und zu Hause gefördert werden? Dieses Spannungsfeld zwischen Stolz und Sorge der Eltern, wie damit vonseiten der Kita professionell umgegangen werden kann und welche Unterstützungsangebote es gibt, ist der Ausgangspunkt dieser Ausgabe.
Den Anfang macht ein Fachbeitrag, der aufzeigt, welche Herausforderungen Familien begegnen, wenn bei ihrem Kind eine besondere Begabung vermutet wird. Diagnostische Unsicherheiten, die Angst vor Stigmatisierung, ambivalente Reaktionen aus dem Umfeld, die Sorge vor Unter- oder Überforderung – all das kann Familien belasten und die Zusammenarbeit mit der Kita beeinflussen.
„Vermutete besondere Begabungen im Kita-Alter verlangen keine eindrucksvollen Sonderwege, sondern schlicht individuelle Passungsarbeit: präzise Beobachtungen, enttabuisierte Kommunikation und co-designte Angebote.“
Prof. Dr. Lucie Kluge
Der Beitrag verdeutlicht, wie der Early Excellence-Ansatz einen Rahmen bieten kann, in dem Eltern nicht nur als Erziehungsberechtigte, sondern als Expert:innen ihres Kindes ernst genommen werden. Denn gerade in den Vorschuljahren kommt Eltern eine zentrale Rolle für das Erkennen und die Förderung besonderer Begabungen zu. Indem Eltern intellektuelle Anregungen bieten, emotional unterstützen und als Rollenmodelle wirken, stellen sie wesentliche Ressourcen für die Begabungsentwicklung bereit. Doch was bedeutet es konkret, Eltern als Expert:innen anzuerkennen? Und wird diese Haltung in der Praxis wirklich gelebt? Der Beitrag lädt ein, genau das zu hinterfragen – und zeigt, was es braucht, damit Eltern das Wissen über ihr Kind tatsächlich einbringen können und dürfen.
Doch selbst wenn der Wille zur Partnerschaft auf beiden Seiten vorhanden ist – Gespräche können scheitern. Manchmal passiert das zwischen Tür und Angel, wenn ein eiliger Satz falsch verstanden wird. Manchmal in einem geplanten Elterngespräch, wenn eine gut gemeinte Rückmeldung als Vorwurf aufgenommen wird. Genau hier setzt der zweite Fachbeitrag an: Er gibt Einblick in die Theorie der Kommunikationsmodelle und macht sie alltagstauglich. Anhand eines fiktiven Fallbeispiels wird deutlich, wie Ich-Botschaften, Aktives Zuhören und eine lösungsorientierte Haltung Gespräche verändern können. Begleitende Videos laden dazu ein, diese drei Werkzeuge in einem Rollenspiel konkret zu erleben. Nicht als Patentrezept, sondern als trainierbare Werkzeuge, die helfen können. Nicht nur in der Kita, sondern in jeder Beziehung. Der Fachbeitrag und die Videos zeigen, dass konstruktive Kommunikation selbst dann möglich ist, wenn die Zeit knapp ist. Denn entscheidend ist nicht die Länge eines Gesprächs, sondern die innere Haltung, mit der man in es hineingeht.
Wie begabungsorientierte Bildungs- und Erziehungspartnerschaft in der Praxis lebendig wird, zeigt das Interview mit Simone Welzien und Imke Faßbender vom KESS Familienzentrum in Nienhagen, Niedersachsen. Ihre Einrichtung arbeitet nach dem Early Excellence-Ansatz, und sie haben jahrelange Erfahrung darin, Familien früh und niedrigschwellig zu erreichen. Was besonders beeindruckt, sind die selbst entwickelten Beobachtungsheftchen, in die Eltern wertschätzende Notizen über die Kinder eintragen. Eine einfache Idee, die Eltern zu aufmerksamen Beobachtenden macht und den Grundstein für das Erkennen besonderer Begabungen legt. Dabei richtet sich der Blick bewusst auf alle Familien. Denn die Forschung zeigt, dass für die intellektuelle Entwicklung von Kindern vor allem bildungsbezogene Ressourcen wie Anregung und Unterstützung entscheidend sind, nicht materielle. Eine begabungsorientierte Bildungs- und Erziehungspartnerschaft mit Eltern ist damit auch immer eine Frage der Chancengerechtigkeit.
„Vertrauen ist wie ein Vogel, der ganz schnell wegfliegen kann.“
Simone Welzien
Dieser Satz aus dem Interview verdeutlicht, dass gute Bildungs- und Erziehungspartnerschaften nicht vorausgesetzt werden können. Sie müssen aufgebaut und stetig gepflegt werden. Manchmal jedoch geraten selbst gut gemeinte Bemühungen an ihre Grenzen. Wenn Missverständnisse sich verfestigen, wenn Eltern und Fachkräfte aneinander vorbeisprechen, wenn aus Vertrauen Misstrauen geworden ist – dann kann eine Fachberatung wichtige Unterstützung leisten. In unserem zweiten Interview spricht Annika Scholl, Fachberaterin für besondere Begabungen beim AWO Regionalverband Rhein-Erft & Euskirchen, über ihre Rolle als Brückenbauerin. Sie begleitet Kitas, Teams und Familien dann, wenn die Bildungs- und Erziehungspartnerschaft eine ergänzende, vermittelnde Perspektive braucht.
Fachberatung ist „kein Reparaturbetrieb, der Probleme behebt, sondern ein gemeinsamer Lernweg.“
Annika Scholl
Im Interview wird deutlich, dass sich selbst in herausfordernden Situationen eine ressourcenorientierte Haltung finden lässt. Manchmal braucht es dafür einfach eine Person mehr im Raum, die verschiedene Stimmen hörbar macht.
Damit das alles nicht nur Theorie bleibt, haben wir diese Ausgabe um zwei praxisnahe Angebote ergänzt: In der Toolbox finden Sie einen Gesprächsleitfaden zum Download, der bei der Strukturierung und Vorbereitung von Elterngesprächen rund um das Thema Begabungen konkrete Orientierung bietet. Darüber hinaus stellt Annika Scholl Fallbeispiele aus der Praxis zur Verfügung, die zum Nachdenken über das eigene professionelle Handeln einladen.
In einer weiteren Toolbox befinden sich ausgewählte Videos, aus der Karg Spotlight-Veranstaltung vom 21. November 2024, bei der die Erziehungs- und Bildungspartnerschaft zwischen Kita-Fachkräften und Eltern aus verschiedenen Perspektiven betrachtet wurde.
Begabungsförderung gelingt am besten, indem Eltern und Fachkräfte begabungsorientiert zusammenarbeiten, indem Beobachtungen geteilt, Unsicherheiten benannt und Lösungen gemeinsam gefunden werden. Indem Eltern nicht nur informiert, sondern gehört werden. Und indem eine besondere Begabung nicht als Problem, sondern als das gesehen wird, was sie ist: eine positive Ressource.
Wir wünschen Ihnen inspirierende Momente beim Lesen, die Anregungen dazu bieten, eine begabungsorientierte Bildungs- und Erziehungspartnerschaft zu gestalten.

Lisa Mol
ist Kindheitspädagogin und leitete mehrere Jahre eine inklusive Kita in Hamburg. Seit 2020 ist sie als Projektleitung Frühe Bildung bei der Karg-Stiftung tätig. Dort gestaltet sie die Weiterentwicklung zentraler Themen der Frühen Bildung mit einem besonderen Fokus auf inklusive Begabungsförderung in Kitas.
Foto: Karg-Stiftung


